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Das Ehrenamt: Ein Schatz, den wir unbedingt bewahren müssen

Im vierten Teil unserer Serie „20 Jahre DOSB“ schreibt Gudrun Schwind-Gick (58), Ressortleiterin Bildung und Engagement, über die Bedeutung des Ehrenamts, dessen Entwicklung über die vergangenen 20 Jahre – und wie wir es heute stärken können.

DOSB Redaktion
DOSB Redaktion

26.01.2026

Eislaufendes Kind wird von einer Trainerin angeleitet.

Ich bin, und das sage ich voller Dankbarkeit für das, was mich geprägt hat, ein Kind des Vereinssports. Früher aktive Basketballerin bei der Turngemeinde Hanau und bis heute Mitglied im 1. Hanauer Tennis- und Hockeyclub – ein Leben ohne Sport im Verein war und ist für mich nicht vorstellbar. Unser Vereinssystem ist weltweit einzigartig. Neulich sprach ich mit einer Frau, die nach Deutschland zugewandert ist und mir ungläubig erzählte, wie überrascht sie war, dass es in Deutschland die Möglichkeit gibt, für vergleichsweise kleines Geld – Kinder zahlen im Schnitt vier Euro Beitrag pro Monat – Mitglied in einem Verein zu werden, in dem man jede Sportart ausüben darf, auf die man Lust hat. Ja, dachte ich, das ist tatsächlich großartig. Und dann wurde mir wieder einmal klar, wie wenig uns oftmals bewusst ist, was für einen Schatz wir damit besitzen!

Dieser Schatz allerdings droht an Wert zu verlieren, womit ich bei meinem beruflichen Lebensthema bin: dem Ehrenamt. Im Mai vergangenen Jahres hat uns der Sportentwicklungsbericht mit diversen Fakten konfrontiert, von denen besonders einer mich aufgerüttelt hat. Mehr als jeder sechste der rund 86.000 Sportvereine in Deutschland sieht seine Existenz dadurch bedroht, dass es zu wenig Personal gibt, das ehrenamtlich wichtige Aufgaben übernehmen kann oder möchte. Das ist eine Tendenz, die in ihrer drastischen Ausprägung neu ist, und die uns alle betrifft. Deshalb möchte ich dazu ein paar einordnende Sätze verlieren.

Ich bin nicht nur ein Kind des Vereinssports, sondern im DOSB auch eine Wegbegleiterin der ersten Stunde. 1995 habe ich in der Vorgängerorganisation Deutscher Sportbund, der 2006 mit dem Nationalen Olympischen Komitee zum DOSB fusionierte, die erste Stelle mit Zuständigkeit für Sport und Gesundheit besetzen dürfen. Später verantwortete ich das Thema Ehrenamt. Ich weiß deshalb aus eigener Erfahrung, dass früher beileibe nicht alles besser war. Auch damals wurden Menschen, die sich freiwillig und ohne Anspruch auf Entlohnung für den Sport engagierten, manchmal händeringend gesucht. Was sich jedoch verändert hat über die vergangenen 20 Jahre: Früher war es einfacher, solche Menschen zu finden.

Das Leben hat sich stark verdichtet

Allerdings waren damals die Lebensumstände andere. In meinen Sportvereinen waren die Vereinsvorsitzenden ältere Männer, die nach der Arbeit ihrem Amt im Sport nachgingen, während die Frauen ihnen daheim den Rücken freihielten. Die Lebensrealitäten haben sich verändert, wir sprechen gemeinhin von einer Verdichtung des Lebens, sehr viele Menschen geben an, weniger Zeit zu haben als früher. Ob dem tatsächlich so ist, sei einmal dahingestellt. Es gibt Studien, die aufzeigen, dass die Zeit schlicht anders als früher genutzt wird und wir eigentlich mehr Zeit denn je haben. Nur nutzen viele diese leider nicht mehr für ein Ehrenamt. Insbesondere der Medienkonsum ist exorbitant gestiegen, was wohl jeder und jede von uns auch an sich selbst beobachten kann.

Deutlich widersprechen möchte ich der verbreitet vorgetragenen These, dass das ehrenamtliche Engagement und der Zusammenhalt der Gesellschaft im Allgemeinen nachgelassen haben. Was wir stattdessen feststellen und im Freiwilligensurvey auch nachlesen können: Knapp 30 Millionen Menschen in Deutschland haben mindestens ein Ehrenamt, gut neun Millionen davon entfallen auf den Sport. Und es besteht auch unter den Menschen, die sich bisher nicht engagieren, eine hohe Bereitschaft für ein Engagement. Aus einer repräsentativen Studie, die das Leibniz-Institut für Medienforschung sowie das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt und mindline media gemeinsam mit ARD, ZDF und Deutschlandradio im Frühjahr 2025 durchgeführt haben, geht hervor, dass der Sport den mit Abstand wichtigsten Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leistet. Auch der Sportentwicklungsbericht zeigt, dass im Selbstverständnis der Sportvereine das Gemeinschaftsgefühl, Solidarität und die demokratische Beteiligung die wichtigsten Werte darstellen.

Problematisch ist der Bereich des langfristigen Engagements

Verändert hat sich allerdings die Verteilung der geleisteten Arbeit. Wir haben im Sport grundsätzlich kein Problem, für kurzfristige Projekte wie Großveranstaltungen, die zeitlich begrenzt sind, ausreichend helfende Hände zu finden. Problematisch ist der Bereich des langfristigen Engagements. Hier verteilt sich zunehmend mehr Arbeit auf weniger Schultern, und genau dieser Fakt ist es, der den Vereinen Existenzsorgen bereitet. Aus anderen gesellschaftlichen Bereichen heißt es oft, der Sport müsse mehr anderes Engagement anbieten, sich im Ehrenamt moderner aufstellen. Aber so einfach ist das nicht: Vereinsvorsitzende können nicht alle drei Monate ausgetauscht werden. Das zentrale Ziel eines Sportvereins ist es, dass Menschen eine Sportart erlernen und Bewegungskompetenzen erwerben. Damit einher geht nicht nur das Lernen von technischen und taktischen Fertigkeiten, sondern auch eine Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Auch bauen Sportler*innen Selbstbewusstsein und Selbstdisziplin auf, lernen mit Erfolg und Niederlagen umzugehen. Trainer*innen und Übungsleiter*innen übernehmen eine zentrale Rolle in dieser Entwicklung – und dies tun sie in überwiegender Zahl ehrenamtlich. Solche Lernprozesse erfolgreich zu begleiten, braucht ein kontinuierliches Engagement. Wir brauchen also diejenigen, die sich langfristig dazu bereiterklären, ihre Freizeit zu opfern.

Dabei negieren wir im DOSB natürlich nicht, dass sich auch der organisierte Sport bewegen muss. Ein Beispiel, das einen Weg dahin aufzeigt, hat sich jüngst in Hamburg aufgetan. Moritz Fürste, zweimaliger Olympiasieger im Feldhockey und Miterfinder der neuen Fitnesssportart Hyrox, hat bei seinem Heimatverein Uhlenhorster HC das Präsidentenamt übernommen. Das war aber nur möglich, weil er die Aufgaben, die bislang der Vereinsvorsitzende Horst Müller-Wieland allein übernommen hatte, auf acht Mitstreiter*innen verteilt hat. So wird aus einem zeitintensiven Amt eine Art Jobsharing, in dem eine Gruppe von Menschen die anfallenden Aufgaben ehrenamtlich stemmen kann. Ich finde diese Art der Problemlösung vorbildlich, bin mir aber durchaus bewusst, dass es dafür einer Galionsfigur wie Moritz, der übrigens auch Persönliches Mitglied im DOSB ist, und einer motivierten Gruppe bedarf, die gemeinsam Lust am Gestalten hat.

  • Gudrun Schwind-Gick

    Sportvereine waren, sind und bleiben der Ort, an dem Menschen Gemeinschaft erleben, an dem sie interkulturell und intergenerational lernen. Sie sind Heimat, und diese Heimat wollen wir erhalten.

    Gudrun Schwind-Gick
    Ressortleiterin Bildung und Engagement
    Deutscher Olympischer Sportbund

    Die andere Alternative wäre mehr Hauptamtlichkeit, um das Ehrenamt zu entlasten. Sicherlich punktuell eine Lösung, grundsätzlich aber meiner Ansicht nach auch nicht unbegrenzt. Das Geld fällt trotz Sondervermögens nicht vom Himmel, und unser Vereinssystem lebt davon, dass die Beiträge so stabil bleiben, dass sich alle Bevölkerungsschichten die Mitgliedschaft leisten können. Schwierig würde es, wenn die Mitglieder zur Kasse gebeten werden müssten, um sich mehr bezahlte Vorstände oder Übungsleiterinnen leisten zu können. Es kann nicht in unserem Sinne sein, wenn sich damit Zugangshürden für weniger betuchte Menschen ergäben.

    Was also ist zu tun? Im DOSB setzen wir uns inhaltlich seit der Pandemie, die für den gesamten organisierten Sport eine harte Belastungsprobe darstellte und in vielen Dingen aber auch eine Zeitenwende angestoßen hat, verstärkt mit der Ehrenamtsthematik auseinander. Eine Antwort, auf die wir regelmäßig stoßen, ist: Wir müssen dafür sorgen, dass die Wertschätzung für ehrenamtlich geleistete Arbeit deutlich steigt. Und dabei geht es, um es ganz deutlich zu sagen, nicht um Geld. Natürlich ist mehr Geld im eigenen Portemonnaie immer gut. Aber der absolut überwiegende Teil der Ehrenamtlichen lässt sich nicht durch finanzielle Anreize motivieren. Sie wollen sich einbringen, wollen mitgestalten und daran mitarbeiten, dass der organisierte Sport seine Funktionen vollumfänglich beibehalten kann. Geld wird erst dann ein Thema, wenn die Teilhabe nur mit bestimmten finanziellen Möglichkeiten erreicht werden kann. Sprich: Wenn es sich nur Menschen, die genug Geld haben, leisten könnten, ein Ehrenamt zu übernehmen, aber jemand mit geringeren finanziellen Ressourcen außen vor bleibt, weil vielleicht ein Nebenjob zusätzliche Zeit in Anspruch nimmt, dann ist eine Aufwandsentschädigung ein Thema, über das geredet werden muss.

    Grundsätzlich aber bedeutet Wertschätzung, dass die Sichtbarkeit der Arbeit, die im Ehrenamt geleistet wird, steigt. Und da können wir in allen Bereichen der Gesellschaft besser werden. Angefangen im Sport: Ich befürchte, dass viele Vereinsmitglieder heute nicht mehr wissen, was wenige Ehrenamtliche auf sich nehmen, damit viele davon profitieren können. Es hat sich über die Jahre eine Dienstleistungsmentalität durchgesetzt, die bewirkt, dass viele Dinge für selbstverständlich angesehen werden, die aber nur deshalb funktionieren, weil manche ihre Freizeit dafür opfern. Hier wünsche ich mir mehr Aufklärung und mehr gegenseitiges Verständnis, und ich sehe das als eine Aufgabe für uns alle an, die im organisierten Sport beschäftigt sind.

    Gesellschaftlicher Stellenwert des Sports ist zu gering

    Auch bei Arbeitgebern in der Wirtschaft muss ein Umdenken stattfinden. Die Kollegin, die an zwei Tagen in der Woche nicht bis abends verfügbar ist, weil sie ihre Kindergruppe im Verein trainieren möchte, sollte nicht schräg angeschaut oder gar drangsaliert werden, sondern unterstützt und als Vorbild angesehen werden. Der gesellschaftliche Stellenwert des Sports ist grundsätzlich nicht auf dem Level, auf dem wir im DOSB ihn gern sehen und auch angemessen positioniert empfinden würden. Die Hoffnung, dass eine breit unterstützte Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele hier als Antrieb wirken kann, ist groß.

    Veranstaltungen wie die „Sterne des Sports“, die an diesem Montag wieder in Berlin verliehen wurden, sind für die Sichtbarkeit des Ehrenamts ebenfalls unerlässlich. Ich freue mich, dass es auch auf regionaler und lokaler Ebene immer mehr solcher Events gibt, und mit dem Trikottag im Mai haben wir im DOSB einen zusätzlichen Anlass geschaffen, auf die Bedeutung von Vereinen hinzuweisen. Was ich mir wünsche, ist jedoch eine über solche meist nur einmal im Jahr stattfindenden Leuchtturm-Projekte hinausgehende, dauerhafte Sichtbarkeit. Wie wäre es zum Beispiel, wenn im Fernsehen vor oder während jeder Sport-Liveübertragung ein kleiner Clip über ehrenamtliches Engagement eingebaut würde? Ich denke, das würde das Bewusstsein für die Wichtigkeit dieses Themas deutlich schärfen.

    Als Dachverband des organisierten Sports werden wir oft gefragt, ob wir in kommerziellen Anbietern eine Konkurrenz sehen, die uns nach und nach das Wasser abgräbt. Meine persönliche Meinung dazu? Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn Menschen in Fitnessstudios oder allein im Wald Sport treiben. Die meisten, die das tun, sind auch Mitglied in einem Verein und nehmen die anderen Angebote als Ergänzung wahr. Jeder Mensch hat das Recht, sich auch an Orten aufzuhalten, an denen man nicht um Mithilfe gebeten wird. Aber Sportvereine waren, sind und bleiben der Ort, an dem Menschen Gemeinschaft erleben, an dem sie interkulturell und intergenerational lernen. Sie sind Heimat, und diese Heimat wollen wir erhalten.

    Zahl der DOSB-Trainerlizenzen auf 1,5 Millionen steigern

    Was also sollten wir im DOSB tun, um dieses Ziel zu erreichen? Wir sollten unsere Angebote modernisieren, für unsere Mitglieder als Unterstützer agieren und nicht müde werden, die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft immer wieder an ihre Verantwortung für das Ehrenamt zu erinnern. Ein elementarer Bestandteil unserer Strategie wird die Qualifizierung von Trainer*innen und Übungsleiter*innen sein, denn wir wissen aus Erhebungen, dass Menschen, die sich weiterbilden und Qualifikationen wie Trainerlizenzen erwerben, langfristiger engagiert bleiben, weil sie sich zufriedener und handlungssicherer fühlen. Deshalb haben wir in unserer auf der Mitgliederversammlung im Dezember 2025 verabschiedeten Struktur „DOSB-Ziele 2035“ auch das Ziel festgelegt, die DOSB-Lizenzen von derzeit rund 500.000 auf 1,5 Millionen zu steigern.

    Mein Wunsch für die kommenden Jahre – nicht unbedingt die nächsten 20, aber zunächst mindestens bis 2035 – ist, dass unser aller Blick wieder mehr auf das fällt, was all diejenigen leisten, die sich im Alltag ehrenamtlich engagieren. Die unser Land durch ihr Engagement am Laufen halten. Das ist nämlich nicht selbstverständlich, sondern etwas, für das wir alle dankbar und auf das alle Ehrenamtlichen stolz sein sollten.

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