Träume, Fragen und Lebensplanungen

Manche fallen in ein großes Loch, Andere nutzen es als Chance: Wie Athlet*innen des Team Deutschland mit der Verschiebung von Tokio 2020 umgehen.

Athlet*innen des Team Deutschland 2016 nach ihrer Rückkehr aus Rio bei der Willkommensfeier in Frankfurt. Foto: picture-alliance
Athlet*innen des Team Deutschland 2016 nach ihrer Rückkehr aus Rio bei der Willkommensfeier in Frankfurt. Foto: picture-alliance

Vorneweg einmal dies: Alle sind betroffen von der derzeitigen Krise, alle Gesellschaftsbereiche, alle Menschen. Und so natürlich auch der Sport und mit ihm die Athlet*innen des Team Deutschland, deren Situation an dieser Stelle etwas näher beleuchtet werden soll. Die Erleichterung war bei allen spürbar, als vor zwei Wochen die Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele bekannt gegeben worden war, weil unter den gegebenen Umständen eine vernünftige und Erfolg versprechende Vorbereitung schlicht nicht möglich gewesen wäre; ganz abgesehen von den gesundheitlichen Risiken einer solchen Großveranstaltung. Gleichzeitig haben sich allerdings unzählige Fragen aufgetan.

Es sind eben auch Lebensträume geplatzt, auf deren Erfüllung jahrelang hingearbeitet worden war. Lebensplanungen wurden explizit auf diese drei Wochen im Sommer 2020 ausgerichtet, Ausbildung, Studium oder auch die Familienplanung auf die Zeit nach Tokio verschoben – und urplötzlich sind all die sorgfältig erstellten Pläne nichts mehr wert. Psycholog*innen sagen, es sei ein Gefühl, als wäre der Stecker gezogen worden, als falle das Leben plötzlich von 100 auf null.

Dabei sind jedoch unterschiedliche Gefühlslagen auszumachen. Hart trifft es vor allem jene Athlet*innen, deren sportliche Karriere sich dem Ende zuneigt, die Tokio zum letzten Höhepunkt auserkoren haben. Wenn alle beruflichen und privaten Pläne auf die Zeit nach den Spielen ausgerichtet sind, wenn vielleicht fern von zu Hause, fern der schwangeren Partnerin, fern des neugeborenen Kindes das Mannschaftstraining für Tokio die absolut erste Priorität eingenommen hat, immer mit dem Ziel vor Augen, ab August 2020 das andere Leben zurückzubekommen – dann ist da zunächst nicht viel mehr als ein großes Loch. Und dagegen hilft alle Einsicht nichts, dass keine andere Entscheidung als die Verschiebung der Spiele möglich war.

Wer aber den Spitzensport ohnehin länger als bis Sommer 2020 voll eingeplant hatte, wird sich in der Regel leichter tun, die Situation relativ schnell einfach so anzunehmen, wie sie ist, und dem Rat der Psycholog*innen zu folgen, die Krise vielleicht sogar als Chance zu sehen. So wie der Kletter-Bundestrainer Urs Stöcker, der die Verschiebung für seine Sportart als „gewonnenes Jahr“ definiert: Als neue Sportart sei es gar nicht so schlecht, mehr Zeit für die Vorbereitung bekommen zu haben, sagt er. Auch Athlet*innen haben der Verschiebung zum Teil sehr schnell positive Seiten abgewinnen können – das Jahr werde nun einfach genutzt, um noch besser zu werden, um Schwächen zum Beispiel in der Beweglichkeit oder der Stabilität jetzt auszugleichen, um das mentale Training zu verstärken. Der Traum sei nicht geplatzt, sagen einige, er habe sich nur verschoben. Oder: Am Ziel habe sich nichts geändert, nur am Zeitpunkt.

Die mentale Einstellung spiele eine wichtige Rolle, sagen Psycholog*innen. Wer den Fokus vom Problem zur Chance lenken könne, der habe schon halb gewonnen. Aber nicht jede*r kann so einfach den Schalter auf Anhieb umlegen; manche hadern länger mit der so unsicheren Situation, trauern vielleicht noch der jetzt erst mal entglittenen Chance hinterher und wissen einfach nicht, wie es weitergehen soll. Zumal mit dem Stillstand im Sport auch Einnahmeeinbußen verbunden sind.

Umso wichtiger ist deshalb, dass Expert*innen zur Unterstützung und zum Blick von außen auf die eigene, vielleicht gerade absolut unklare Situation vorhanden sind. Genau dafür steht, neben dem wichtigen privaten Umfeld der Athlet*innen und der engen Bezugsperson Trainer*in, ein ganzes Netz von Sportpsycholog*innen an den Olympiastützpunkten sowie sportpsychologische Betreuung in den Spitzenverbänden zur Verfügung. Zu wissen, dass jemand da ist, mit dem man all die aktuellen Fragen besprechen kann, kann schon ein großer Teil der Lösung sein.

Damit die Erleichterung über die Verschiebung und die Chancen, die sich daraus ergeben, die Oberhand gewinnen. Und Tokio 2021 positiv angegangen werden kann. Denn wie sagte ein Psychologe: „Wenn du mit dieser Krise umgehen kannst, dann ist alles andere, was später mal im Wettkampf folgt, ein Witz dagegen. Weil man mit viel schwierigeren Situationen umgehen konnte.“

(Autorin: Ulrike Spitz)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Athlet*innen des Team Deutschland 2016 nach ihrer Rückkehr aus Rio bei der Willkommensfeier in Frankfurt. Foto: picture-alliance
    Gruppenbild des Team Deutschland mit Deutschlandfahnen in Frankfurt nach ihrer Rückkehr von den Spielen 2016 in Rio Foto: picture-alliance

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