Afghanische Frauen auf dem Weg zu Normalität: Trainerinnenlehrgang in Frankfurt

Im islamisch geprägtem Afghanistan haben Frauen nach wie vor wenig Zugang zum gesellschaftlichen Leben – das betrifft auch den Sport. Seit drei Jahren ist es Mädchen und Frauen überhaupt erst erlaubt, sich sportlich zu betätigen. Dementsprechend gering sind die methodischen und didaktischen Kenntnisse von Übungsleiterinnen in Afghanistan.

(Fotos: Lars Isecke)
(Fotos: Lars Isecke)

DSB und NOK wollen den Frauensport in Afghanistan unterstützen

 

Im Rahmen des UN Jahr des Sports und der Leibeserziehung unterstützen der Deutsche Sportbund (DSB) und das Nationale Olympische Komitee (NOK) den Frauensport in Afghanistan. Neben einer Vielzahl anderer Projekte wurde Anfang Oktober in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Turnerbund ein Trainerinnenlehrgang in Frankfurt am Main durchgeführt.

 

Bereits bei der Auswahl der Teilnehmerinnen vor Ort in Afghanistan wurden erste kulturelle Schwierigkeiten deutlich. Bei den jüngeren Frauen war eine Einverständniserklärung der Eltern, bei den etwas älteren Frauen eine ihres Ehemannes notwendig. Daher konnten überhaupt nur sechs Frauen für die acht Plätze gefunden werden. Komplettiert wurde die Gruppe von Herrn Saboor Abdul Walizada, der hauptverantwortlich für den Frauenfußball im Afghanischen Fußballverband ist. „Wir wollten den Lehrgang zwar ausdrücklich nur für Frauen anbieten, durch Herrn Walizada war es jedoch für viele Teilnehmerinnen einfacher, ihre Reise nach Deutschland durchzusetzen", erklärt Lehrgangsleiter Lars Isecke, der zugleich die Rolle des Projektkoordinators für DSB und NOK einnimmt.

„Beim Unterricht war unser größtes Problem, die Teilnehmer mit ihren unterschiedlichen Vorkenntnissen und Lehrerfahrungen unter einen Hut zu bringen. Wir mussten daher ein sehr breites Lehrprogramm anbieten", berichtet Isecke. Alle Teilnehmerinnen hatten bereits Vorkenntnisse unter anderem aus dem Fußball-Lehrgang in Kabul, der ebenfalls im Rahmen des UN Jahrs durchgeführt wurde. Einige verfügten auch über eigene Lehrerfahrungen, wie etwa Najia Zafar und Nasreen Ayubi, die als Lehrerinnen an einem Sport- und Lernzentrum in Kabul tätig sind. Shamilla Kohestani, Khalida Popal und Azadeh Naim dagegen waren gerade mal 17 Jahre alt und gehen noch zur Schule. Sie träumen davon Journalistin, Pilotin oder auch Zahnärztin zu werden.

 

In Afghanistan ist es Frauen nur möglich, fernab der Blicke von Männern Sport zu treiben. Der geschlechtergemischte Sportunterricht stellte jedoch hier in Deutschland kein Problem dar. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir hier in Frankfurt nach unseren kulturellen Regeln vorgehen", erläutert der Lehrgangsleiter, der feststellte, dass bei den Praxiseinheiten keine Berührungsängste auftraten und gerade die jüngeren Teilnehmerinnen diese Situation genossen.

 

"In Afghanistan ist es Frauen nur möglich, fernab der Blicke von Männern Sport zu treiben."

 

Im Mittelpunkt des Programms stand die Vermittlung von methodisch-didaktischen Kenntnissen für Sportunterricht und Training. Im Wechsel von Theorie und eigenen praktischen Erfahrungsmöglichkeiten standen Themen wie zum Beispiel Mannschaftsbildung, Aufbau einer Trainingseinheit, spezifische Inhalte für Kinder und Erwachsene sowie die langfristige Trainingsplanung auf der Tagesordnung. Dabei legten die Lehrgangsleiter besonderen Wert darauf, dass das Gelernte auf eine Vielzahl von Sportarten übertragbar ist. „Ebenso wichtig war uns zu zeigen, wie die entsprechenden Inhalte auch mit den vorhandenen Möglichkeiten in Afghanistan umgesetzt werden können", ergänzt Isecke.

 

Ein Beispiel: die Unterrichtseinheit im Hochseilgarten in Hanau. Im Alleingang ist es nicht möglich, sich mit Haken und Karabinern entlang der Seile zu bewegen, die Zusammenarbeit in Zweierteams ist unverzichtbar. „Nach dieser Erfahrung haben wir gezeigt, wie man mit ganz einfachen Mitteln Team-Building in Afghanistan umsetzen kann", verdeutlicht Isecke. Eine Möglichkeit ist beispielsweise, einer zweiten Person die Augen mit einem Tuch zu verbinden. Diese kann sich dann nur noch mit Hilfe eines Führers sicher durch den Raum bewegen.

 

Zum Abschluss des Lehrgangs schlüpften die Frauen selbst in die Rolle des Trainers. In zwei Gruppen galt es, je eine Unterrichtseinheit zum Thema Koordinationstraining bzw. zum Thema Muskelkräftigung durchzuführen. Nach erfolgreich gemeisterten Praxistest reisten die Frauen zurück nach Afghanistan – nun bleibt zu hoffen, dass weitere Frauen von den neuen Erfahrungen und Erkenntnisse profitieren.

 

Die Unterstützung des Frauensports in Afghanistan geht über den Trainerinnenlehrgang weit hinaus. Neben Mahlzeiten an drei Lern- und Sportzentren und Honorar für Trainerinnen steht der Bau eines Sportplatzes für Frauen in Kabul im Mittelpunkt der Hilfe. Finanziert werden die unterschiedlichen Projekte vom Bundesministerium des Innern. Ideengeber dieser Initiative ist der Bundesausschuss Frauen im Sport, Kooperationspartner ist die Afghanistan-Hilfe Paderborn e.V. Der Trainerinnenlehrgang wurde in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Turnerbund durchgeführt.


  • (Fotos: Lars Isecke)
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