Der „postsportlichen Generation“ hinterherrennen?

Die Kirche verliert immer mehr Mitglieder. Damit es dem Sport nicht ebenso ergeht, plädiert Autor Detlef Kuhlamnn für eine sorgfältige Bestandserhebung.

Im Verein ist Sport am schönsten. Foto: LSB NRW
Im Verein ist Sport am schönsten. Foto: LSB NRW

Der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) rennen die Gemeindemitglieder davon. Nach jüngsten Meldungen waren es allein im Jahre 2017 rund 390.000 Menschen, was einer Abnahme von 1,8 Prozent entspricht. Gegenwärtig gehören 21,5 Millionen der Kirche an, zehn Jahre vorher waren es noch rund 25 Millionen Menschen So weit, so schlecht – sind diese Nachrichten zumindest für die EKD. Und was hat das mit dem Sport oder gar mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zu tun?

Die Antwort lautet: gar nichts. Denn es ist nicht bekannt, dass genau diese 390.000 Menschen von der Kirche in die Sportvereine übergelaufen sind. Das wäre wohl aufgefallen und als bedeutsam beachtet worden. Außerdem liegt das moderate Wachstum bei den Zugängen aller Mitgliedsverbände des DOSB in der Summe laut Bestandserhebung (nur) bei genau 27.701 Mitgliedschaften („Zugängen“) im vergangenen Jahr.

Trotzdem kann die Negativentwicklung der Kirche(n) dazu dienen, sich der eigenen Mitgliederentwicklung neu zu vergewissern – egal, ob das dann aus der Sicht des DOSB selbst, eines Spitzenverbandes, eines Landessportbundes, eines Landesfachverbandes, eines Regions-, Kreis- oder Stadtsportbundes, eines Gemeindesportverbandes oder aus der Perspektive eines ganz „normalen“ Sportvereins und nicht zuletzt seiner angeschlossenen Abteilungen und Sparten geschieht.

Dabei lassen sich viele Fragen stellen und womöglich entwicklungspolitische Aufgaben ableiten: Wer immer mehr Zuwächse verzeichnet, muss dafür Sorge tragen, dass die Rahmenbedingungen mit wachsen, damit kein Aufnahmestopp verhängt werden muss. Und wer ein Negativwachstum durch Abgänge wie die Kirche(n) zu beklagen hat, muss sich darum kümmern, wie und mit welchen konkreten Maßnahmen hier erfolgreich gegengesteuert werden kann, wenn ein Exodus verhindert werden soll.

So gesehen ist eine sorgfältige Bestandserhebung per se vonnöten und Basis jeglicher Sportentwicklung, respektive einer vorausschauenden Personalentwicklung. Dabei darf sich jedoch nicht allein der Blick nur auf die Sozialfigur „Mitglied“ richten. Der Bestand von begabten Trainerinnen und Trainern, von (möglichst lizenzierten) Übungsleiterinnen und Übungsleitern, von fachlich versierten Vorstandsmitgliedern, von qualifizierten Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern, etc. ist dabei genauso einzubeziehen, wie es jüngst exemplarisch der vom DOSB zusammen mit den Landessportbünden und dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft finanzierte Sportentwicklungsbericht geleistet hat.

Diese nüchterne Analyse der Entwicklung im Status quo ist das eine, die richtigen Schlüsse für eine zukunftssichere (noch „bessere“) Praxis zu ziehen, ist das andere und nicht zuletzt eine pädagogische Aufgabe.

Einen solchen Diskurs hat die EKD auf ihrer Jahrestagung neulich in Würzburg geführt und festgestellt, dass gerade der Kreis der jungen Erwachsenen sich von ihr abwendet: Die Kirche rennt der „postchristlichen Generation“ hinterher, lautete dazu eine Überschrift in den Zeitungen.

Mal nur so ins Unreine geschrieben: Der Sport rennt der „postsportlichen Generation“ hinterher. Diese Schlagzeile wird es hoffentlich niemals geben. Eine präventive Sportentwicklung könnte das verhindern helfen.

(Autor: Prof. Detlef Kuhlmann)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Im Verein ist Sport am schönsten. Foto: LSB NRW
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