Der Sport braucht die Frauen, das gilt auch für Olympia

 

Die Vollversammlung des Bundesausschusses Frauen im Sport des Deutschen Sportbundes (DSB) fordert die Leipziger Olympiaplaner auf, die Belange der Frauen

in ihrer Bewerbung ausdrücklich zu berücksichtigen. Diese Einbeziehung von frauenspezifischen Aspekten wäre nach Meinung der rund 120 Frauen, die ihre Jahrestagung in Leipzig ausrichteten, erstmals Inhalt einer Olympiabewerbung. Sie würde nach dem Votum der Delegierten aus den Mitgliedsorganisationen des DSB die Bewerbung inhaltlich aufwerten und zu einer positiven Unterscheidung gegenüber den Mitbewerbern führen. Dieses Positionspapier zur Geschlechtergerechtigkeit für die Bewerbung Leipzigs wurde bei der Tagung mit Vorträgen sowie mit Diskussionsrunden in Arbeitskreisen und im Plenum erarbeitet.

Bei der dreitägigen Zusammenkunft, die unter dem Motto „Olympische Spiele - Fair play durch Gender Mainstreaming“ stand, präsentierten sich die Frauenvertreterinnen des deutschen Sports so selbstbewusst und zukunftsorientiert wie selten zuvor. „Wir sind zweifellos auf Erfolgskurs“, stellte die Vorsitzende des Bundesausschusses, DSB-Präsidiumsmitglied Ilse Ridder-Melchers, fest, und nannte als symbolträchtiges Beispiel die Fußball-Nationalspielerin Bettina Wiegmann, die mit ihrem 150. Länderspiel den Rekord von Lothar Matthäus gebrochen hat. Nachdem bei den Olympischen Sommerspielen in Sydney 2000 immerhin der Anteil der Frauen unter den Sportlern bei mehr als 4000 und 38,2 Prozent lag, sollen jetzt noch die Männergesellschaften in den Präsidien der Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) aufgebrochen werden.

Dr. Petra Tzschoppe von der Universität Leipzig, Präsidiumsmitglied im Landessportbund Sachsen, hatte in ihrem Vortrag „Olympische Spiele - spielen Frauen gleichberechtigt mit?“ hochinteressante Basisdaten geliefert. Sie erinnerte an ein Zitat des Begründers der Olympischen Spiele der Neuzeit, Baron Pierre de Coubertin, von 1896: „Die modernen Spiele repräsentieren die Glorifizierung männlichen Athletismus, mit Internationalismus als Basis, Fairplay als Mittel, Kunst als Rahmen und weiblichem Applaus als Belohnung.“ Und Karl Ritter von Halt, bekannter Leichtathlet und deutsches IOC-Mitglied von 1929 bis 1964, soll in den 20er-Jahren gesagt haben: „Der Kampf gebührt dem Mann, der Natur des Weibes ist er wesensfremd. Darum weg mit den Damen-Leichtathletikmeisterschaften.“ Die Leipziger Wissenschaftlerin Tzschoppe schilderte, wie die Frauen dennoch immer stärker ins olympische Wettkampfprogramm vordrangen, dass die Dresdner Tennisspielerin Dora König 1912 in Stockholm als erste deutsche Frau eine Goldmedaille gewann (mit ihrem Doppelpartner Heinrich Schomburgk aus Leipzig), dass aber noch heute etliche Nationen keine Frauen zu dem größten Sportereignis der Welt entsenden.

Dr. Petra Tzschoppe blätterte auch weitere Mängellisten auf: Von 126 aktiven IOC-Mitgliedern sind derzeit nur elf Frauen, und dem Exekutivkomitee des IOC gehört keine Frau an. Auch im deutschen NOK ist der Frauenanteil mit zwölf Frauen bei 68 Mitgliedern äußerst gering, und im aus 23 Personen bestehenden Präsidium sind nur drei weibliche Mitglieder. Der Aufsichtsrat der Leipziger Olympia GmbH sei besetzt wie der des Jahres 1896 von Athen - nur mit Männern. Dazu der Olympiabeauftragte der Stadt Leipzig, Burkhard Jung: „Wir guckten uns in der ersten Sitzung an und fragten: ´Wo sind eigentlich die Frauen?`“

Die in Leipzig versammelten Frauen appellierten an Burkhard Jung, die Gremien der Olympia GmbH für Frauen zu öffnen, übten aber auch Selbstkritik. Petra Faderl, Mitglied im DSB-Bundesausschuss Frauen im Sport: „Wir müssen einfach früher aus den Puschen kommen.“ Mut machte Stefanie Teeuwen, frühere Eisschnellläuferin und Mitglied des NOK-Präsidiums und der Olympia-Evaluierungskommission, ihren Geschlechtsgenossinnen: „Wir müssen die Chancen, die wir als Frau bekommen, selbstbewusst wahrnehmen und andere nachziehen. Man muss damit leben, von den Männern erst einmal abgecheckt zu werden. Ich habe mittlerweile auch gelernt, bis nachts um halb zwei an der Theke zu stehen.“ Die DSB-Vizepräsidentin und Präsidentin des Deutschen Schwimmverbandes, Dr. Christa Thiel, forderte, die bevorstehenden Aufgaben positiv anzupacken und nach und nach mit jungen Frauen in die häufig von älteren Herren geprägte Funktionärswelt einzubrechen. Und der sächsische Staatsminister Stanislaw Tillich, der ebenso ein Grußwort sprach wie Leipzigs Bürgermeister Holger Tschense und Sachsens Landessportbund-Chef Hermann Winkler, brachte die Sache im Sinne der Frauen auf den Punkt: „Der Sport braucht die Frauen, das gilt auch für Olympia.“

Die in Leipzig erarbeiteten Forderungen und Ideen werden von Ilse Ridder-Melchers an DSB, NOK und die Olympia GmbH 2012 weitergeleitet. Begleiter der Arbeitstagung der Frauen im Sport waren auch der Vorsitzende der Ständigen Konferenz der Landessportbünde, Wolfgang Remer (Mecklenburg-Vorpommern), der Vorsitzende der DSB-Medien-kommission, Prof. Dr. Günther von Lojewski, und DSB-Generalsekretär Dr. Andreas Eichler. Remer appellierte in seinem Grußwort im Rahmen des parlamentarischen Teils am Tagungsende an die Frauen, von der Vereinsbasis bis hinauf in nationale und internationale Verbände um Führungsämter zu streiten. Im Rahmen der Frauen-Arbeitstagung und Vollversammlung wurde der Alice Profé-Preis um Verdienste für die Frauen im Sport an Hannelore Ratzeburg (Deutscher Fußball-Bund), Heidrun Klemke (Deutscher Handball-Bund), Dr. Friederike Damm (Landessportbund Hessen) und Renate Klein (Landessportverband für das Saarland) verliehen.


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