Mann mit vielen Eigenschaften und auch ein Intellektueller des Sports

Zum 80. Geburtstag von Walter Jens

 

(DSB PRESSE) Er verehrte Wunderwesen auf dem Rasen – wie Matthias Sindelar. Der Wiener sei

als einziger unter Fußballspielern zu einer literarischen Figur geworden. Der österreichische Ballkünstler, der unter dem Künstlernamen „Der Papierene“ in die Sportgeschichte einging, wurde nach seinem Selbstmord l939 von dem Schriftsteller Friedrich Torberg mit einem viel zitierten Gedicht geehrt. Walter Jens schrieb vor kurzem, Sindelar sei ein Wunderwesen wie Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“.

So werden Fußball und Literatur zusammengebracht. Matthias Sindelar wäre am 10. Februar 100 geworden, Walter Jens wird am 8. März 80 Jahre. Ein Mann mit vielen Eigenschaften. Er wird in mancherlei Funktion gefeiert, der Tübinger Professor mit vielen anderen Eigenschaften: als Professor der Rhetorik, als Romanschreiber, Literaturkritiker, Moralist, Pazifist, Bibelübersetzer, Atomkraftgegner, Fernsehkritiker, nicht zuletzt als Fußballkenner, als Intellektueller des Sports. Als junger Schriftsteller begegnete er in Paris Albert Camus, dem französischen Literatur-Nobelpreisträger, der in seiner Jugend im Fußballtor gestanden hatte. Wie einst Walter Jens, der als schwer Asthmakranker seinen Idealposten zwischen den Pfosten gefunden hatte.

Er schrieb jahrelang Fernsehkritiken für die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Dabei nimmt der Sport, vor allem der Fußball, einen verhältnismäßig großen Platz ein. Er schrieb über die „Neunzig-Minuten-Verbrüderung von Arm und Reich“. Und er wertete den Sport gegenüber der Politik auf, indem er behauptet: „Der Sport kann sehr wohl dorthin Licht bringen, wo die Politik das Dunkel akzeptiert – und die Sportberichterstattung kann’s auch.“ Als sich Walter Jens auf die fünfte Wand im Wohnzimmer einließ, behauptete er, man könne sehr wohl im Fernsehen das Beste an Kultur heraussuchen. Er nannte das „Meine Seh-Bibliothek.“ Der Fußball-Enthusiast Walter Jens sieht seinen Lieblingssport durchaus kritisch. Er bewies das, als er zum 75-jährigen Jubiläum des Deutschen Fußball-Bundes eine Festrede hielt, die von vielen als Nestbeschmutzung empfunden wurde.

Auch zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes trat er zur Festrede an. Er wies auf die Zeit hin, als Frauen in Berichten nur beim Vornamen genannt wurden, angeblich, um ihre Familien zu schonen. Er rühmte vor allem Otto Peltzer (genannt: Otto, der Seltsame), einen Weltrekordläufer, der sogar Nurmi Konkurrenz machte. Er feierte Emil Zatopek, der sich zum Prager Frühling bekannte und deshalb als Offizier degradiert wurde. Das schönste Dokument, das Walter Jens dem Sport geschenkt hat, ist sein Bekenntnis: „Vorbei, die Eimsbütteler Tage.“ In seiner Jugend in Hamburg schwärmte er für den Eimsbütteler TV. Er nannte die Fünferreihe des Sturms und behauptet: „...wenn ich den letzten Goethe-Vers vergessen habe, werde ich den Eimsbütteler Sturm noch aufzählen können.“ Kein Wunder, dass „Der Spiegel“ seinen vielen Titeln einen weiteren hinzufügte. Er nannte ihn den „Fußball-Lessing.“



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