Ohne Sportstätten kein Sport

Deutschland ist vom Weltmeister zum Kreisligisten im Sportstättenbau geworden. Das muss sich dringend ändern, sagt Autor Christian Siegel.

Marode Sportstätten sind ein Problem. Foto: LSB NRW
Marode Sportstätten sind ein Problem. Foto: LSB NRW

Sportstätten sind ein wichtiges Stück Lebensqualität in Sportdeutschland. Sie sind Grundlage für den Breiten- und Leistungssport, für den Schulsport und die Sportlehrerausbildung an Hochschulen. Sie sind Orte für Bildung, Gesundheit, für Integration und Inklusion. Kurzum: Ohne Sporträume kein Sport – so einfach ist das. Und deswegen haben wir ein Problem.

In Deutschland gibt es rund 231.000 Sportstätten, dazu rund 370.000 Kilometer Reitwege, Laufstrecken oder Loipen. Es gibt Sportvereinszentren, Stadien, Sporthallen, Bäder, Schießsportstätten und vieles mehr. Das ist gut – nur ist dieses breite Spektrum an Sportstätten sehr in die Jahre gekommen.

Der Sanierungs- und Modernisierungsbedarf für Sportstätten in Deutschland beträgt mindestens 31 Milliarden Euro. Das hat eine Kurzexpertise festgestellt, die der DOSB gemeinsam mit den kommunalen Spitzenverbänden im Jahr 2018 vorgelegt hat. Sie verdeutlicht den Handlungsdruck. Deutschland ist vom Weltmeister zum Kreisligisten im Sportstättenbau geworden. Der milliardenschwere Sanierungsbedarf ist ein zentraler Engpass für die Sportentwicklung und beeinträchtigt die Lebensqualität vor Ort sowie den Schulsport. Darüber hinaus besagt der Sportentwicklungsbericht, dass ein Zusammenhang zwischen einem attraktiven Sportraum und einer positiven Mitgliederentwicklung besteht. Was also ist zu tun?

Größte Sportanlageneigentümer sind die Kommunen. Mindestens zwei Drittel aller Sportstätten werden von ihnen unterhalten. An zweiter Stelle rangieren die Sportvereine, die zunehmend Verantwortung für vormals öffentliche Sportstätten übernehmen. Schon mehr als ein Viertel sind in Vereinsträgerschaft.

Bis Ende der 1960er Jahre gab es in (West-)Deutschland eine Unterversorgung mit Sportstätten. Dieser Engpass wurde durch Kampagnen wie die „Trimm-Dich-Bewegung“ des vormaligen Deutschen Sportbundes noch verstärkt, denn immer mehr Menschen trieben Sport. Initiativen der Verbände („Goldener Plan“) und erhebliche Investitionen der öffentlichen Hand bauten diese Unterversorgung nach und nach ab, nach der Wiedervereinigung auch im Osten Deutschlands („Goldener Plan Ost“). Seit Mitte der 2010er Jahre gilt die Versorgung mit Sportraum als angemessenen – in rein quantitativer Hinsicht.

Doch seit Ende der 1990er Jahre, rund 35 bis 50 Jahre nach diesem beeindruckenden Boom zeigt sich auch in Sportstätten zunehmend, was Bürgerinnen und Bürger täglich erleben und sehen: Der Substanzverlust der öffentlichen Infrastruktur ist riesig. In der Rangliste der Bereiche mit dem höchsten Investitionsbedarf nehmen die Sportstätten mit Rang sechs einen der vorderen Plätze ein. Doch sie fallen in der Berichterstattung, in den politischen Debatten und Entscheidungen häufig hinter andere Investitionen insbesondere in Verkehrsinfrastruktur oder Breitbandanbindung zurück.

Grundsätzlich liegt die Verantwortung für Sportstätten in Deutschland bei den Bundesländern und den Kommunen. Der Bund ist (nur) für Sportstätten im Bereich des Spitzensports zuständig, d.h. für Olympiastützpunkte und die Bundesleistungszentren. Es gibt regionale Unterschiede und vereinzelte zusätzliche Förderinitiativen von Bund, Ländern und Kommunen. Auch Sportvereine und Sportverbände tun einiges. Und doch ist der Sanierungsbedarf seit Jahrzehnten derart gewachsen, dass er durch herkömmliche Instrumente politischer Steuerung allein nicht beseitigt werden kann. Der Sanierungsstau ist die zentrale sportstättenpolitische Herausforderung der Sportentwicklung in Deutschland.

Die gute Nachricht: Das Problem ist in Politik und Fachkreisen mittlerweile weitgehend anerkannt – der Diagnose, die der DOSB seit Jahren in Bund, Ländern und Kommunen, in Fachkreisen und Verbänden auch mit eigenen Wahlforderungen positioniert, wird jedenfalls kaum noch widersprochen. Darüber hinaus gibt es Förderansätze: So hat der Bund städtebauliche Förderlinien und investive Klimaschutzförderansätze für Sportstätten geöffnet. Für die Jahre 2016 bis 2023 unterstützt das Bundesinnenministerium soziale Infrastruktur mit dem Förderprogramm „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“. Die vielfache Überzeichnung des Programms zeigt abermals, wie groß der Bedarf an Förderung von Sportstätten ist: In der aktuellen Förderrunde kamen gut 900 der 1300 Anträge aus dem Sport.

Insgesamt stehen gut 500 Millionen Euro an Fördermitteln zur Verfügung, von denen etwa 340 Millionen Euro in Sportstätten fließen. Das Programm leistet einen wertvollen Beitrag zur Sanierung der Sportstätten in kommunaler Trägerschaft. Der DOSB würde sehr begrüßen, wenn es fortgeführt – und für die Förderung vereinseigener Sportstätten geöffnet würde.

Auch in Bundesländern wie Hamburg, Hessen, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen gibt es vereinzelt sportfreundliche Sonderprogramme. Allerdings reicht all das nicht aus. Diese Ansätze müssen konsequent weiterentwickelt werden. Auch die Klimaschutzförderung für vereinseigene und kommunale Sportanlagen ist zu verstetigen und noch praxisnäher auszugestalten. Darüber hinaus ist es unverzichtbar, dass der Bund ein mehrjähriges Bundesprogramm zur Förderung der Sportinfrastruktur einschließlich der Schwimmbäder in Deutschland im Umfang von jährlich 500 Millionen Euro auflegt. Auch hier sind die Förderansätze für Sportvereine zu öffnen.

Das ist eine gewaltige Aufgabe. Aber eine mehrjährige Sanierungsoffensive ist dringend notwendig, damit ein wichtiges Stück Lebensqualität in Sportdeutschland erhalten bleibt. Ohne Sportstätten ist nun mal kein Sport möglich.

(Autor: Christian Siegel, Ressortleiter Sportstätten und Umwelt im Deutschen Olympischen Sportbund)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder. 


  • Marode Sportstätten sind ein Problem. Foto: LSB NRW
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