Sport zum Kennenlernen

Damit Integration durch Sport gelingen kann, müssen Vereine die Migranten zum Sport machen bewegen. Gerade Mädchen und Frauen sind schwer zu erreichen. Der Sportsoziologe Prof. Dr. Michael Mutz von der Justus-Liebig-Universität Gießen erklärt im Interview, wie die Sportvereine auf die Migrantinnen und Migranten zugehen können.

Sportsoziologe Prof. Dr. Michael Mutz von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Foto: Mutz
Sportsoziologe Prof. Dr. Michael Mutz von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Foto: Mutz

Herr Prof. Dr. Mutz, Sie forschen zum Thema Integration durch Sport und der Sozialisation zum Vereinssport. Tun sich die Migranten grundsätzlich schwer, sich mit der deutschen Vereinskultur vertraut zu machen?

Das kommt ganz auf die jeweilige Einwanderergruppe an, über die wir sprechen. In vielen nicht-europäischen Ländern gibt es keine ausdifferenzierte Sportvereinslandschaft, so wie wir sie in Deutschland haben. Gerade in den weniger wohlhabenden Herkunftsländern – und dort vor allem in den ländlichen Regionen – ist Sporttreiben als Freizeitaktivität kaum verbreitet.

Diese Gruppen müsste man demnach erst an den Sport heranführen. Wie kann das gelingen?

Es macht Sinn, erstmal zu informieren sowie offene, niedrigschwellige und möglichst kostenfreie Sportangebote zum Kennenlernen zu organisieren, wo man nicht gleich am ersten Tag eine Mitgliedschaft eingehen muss. Solche Angebote können ein wichtiger erster Schritt in Richtung Sportverein sein.

Der DOSB hat die 55. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule in München (DJS) gebeten, sich Gedanken über den Zusammenhang von Sport und Integration zu machen – frei und unabhängig von Vorgaben, gemäß dem journalistischen Kodex. Herausgekommen ist ein multimediales Projekt, das mit einer Webreportage über einen charismatischen Münchener Crickettrainer startet und in den darauffolgenden Tagen mit Interviews, persönlichen Erlebnissen und Statements von prominenten und weniger prominenten Menschen online und in den Sozialen Medien (Twitter: @DOSB_Integra) fortgeführt wird. Zum Abschluss der Kooperation am 8. Juni wechseln die DJS-Schüler in den Printbereich und erzählen ihre Geschichten zu Integration durch Sport in der Beilage einer großen deutschen Tageszeitung weiter. Lassen Sie sich überraschen.

Vermutlich kann man Männer leichter für den Sport begeistern als weibliche Migranten.

Das ist in der Tat so. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass es Sportvereinen nur schwer gelingt, die eingewanderten Mädchen und Frauen zu erreichen, während die Jungen und die Männer sehr sportaffin sind.

Woran liegt das?

Es hängt oft mit den sozialen und kulturellen Hintergründen der Migrantinnen zusammen. Mädchen und Frauen sind vor allem in den Einwanderermilieus sehr sportdistanziert, die einerseits sozioökonomisch benachteiligt sind, also z.B. ein geringes Einkommen und niedrige Bildungsabschlüsse aufweisen, und in denen andererseits noch eher traditionelle Wertorientierungen – gerade auch im Hinblick auf die Geschlechterrollen – befürwortet werden. Diese Bedingungen wirken sich auf die Sportbeteiligung der Mädchen und Frauen sehr viel negativer aus als auf die der Jungen und Männer.

Spielt nicht auch die Religion eine wichtige Rolle?


Religion spielt nur eine Rolle bei den muslimischen Mädchen und Frauen. Dort ist die Sportbeteiligung äußerst gering, wenn sich die Mädchen und Frauen selbst als sehr religiös einschätzen. Ab dem Jugendalter lässt sich ein Sportengagement im Verein angesichts religiös fundierter Bekleidungs-, Verhüllungs- und Beaufsichtigungsgebote, die dann an die Mädchen gerichtet und von diesen meist auch übernommen werden, oft nur noch schwer realisieren.

Wie kann man trotzdem mehr Mädchen für den Sport begeistern?


Aus Befragungen wissen wir, dass diese Mädchen auch Lust haben, Sport zu treiben. Aber das Sportvereinswesen bietet oft nicht die geeigneten Rahmenbedingungen an, die nötig wären, damit muslimische Mädchen und Frauen diesen Wunsch auch in die Tat umsetzen können. Man bräuchte zum Beispiel geschützte Räume ohne Zuschauer, Übungsleiterinnen und möglichst auch Einzelduschen. Auch die Sportangebote müssten den sportiven Wünschen der jeweiligen Gruppe angepasst sein. Man kann also sagen: Die Begeisterung ist oft schon da, nur die Gelegenheiten fehlen.

Das klingt nach einem erheblichen Aufwand für die Vereine. Manche könnten sich fragen: Und was bringt uns das?

Am Ende könnten auch die Vereine selbst einen Nutzen daraus ziehen, wenn sie Migrantinnen – aber natürlich auch Migranten – stärker als bislang einbinden. Denn der demographische Wandel wird in naher Zukunft dazu führen, dass die Sportvereine rückläufige Mitgliederzahlen vor allem im Kindes- und Jugendbereich verzeichnen werden. Eine stärkere interkulturelle Öffnung wäre eine mögliche Strategie, wie man diesen Entwicklungen begegnen könnte.

Das Interview führte Lotte Glatt (DJS).


  • Sportsoziologe Prof. Dr. Michael Mutz von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Foto: Mutz
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  • DOSB-DJS-Aktionsstempel
    DOSB-DJS-Aktionsstempel

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