Stichwort: Sportmedizinisches Untersuchungssystem im Spitzensport

 

Drei Fragen an Prof. Dr. med. Wilfried Kindermann, Vorsitzender des Wissenschaftlich-Medizinischen Beirats des Bereichs Leistungssport des Deutschen Sportbundes und Leitender

Mannschaftsarzt der deutschen Olympia-Mannschaften

"Gesundheits-Vorsorgeuntersuchungen – unabdingbare Voraussetzungen für adäquate Betreuung im Hochleistungssport"

DSB PRESSE: In der Öffentlichkeit wird von Zeit zu Zeit der Eindruck erweckt, als sei die sportmedizinische Begleitung im Spitzensport unzureichend. Sogar Mediziner fordern zuweilen mehr Untersuchungen von Athleten. Ist diese Forderung berechtigt?

KINDERMANN: Regelmäßige sportmedizinische Gesundheits- und Vorsorgeuntersuchungen sind eine unabdingbare Voraussetzung für eine adäquate Betreuung im Leistungs- und Hochleistungssport. Das rechtzeitige Erkennen von gesundheitsrelevanten Veränderungen kann Schäden verhindern. Andererseits sind sportliche Höchstleistungen nicht ohne Gesundheit möglich. Im deutschen Spitzensport besteht ein gut strukturiertes und organisiertes sportmedizinisches Untersuchungssystem, das mit Sondermitteln gefördert wird. Bei Olympischen Spielen und internationalen Meisterschaften der einzelnen Sportverbände erfolgt die medizinische Betreuung durch in der jeweiligen Sportart erfahrenes Personal. In Sydney haben 22 Ärzte und 34 Physiotherapeuten das deutsche Olympiateam betreut,

DSB PRESSE: Wie gestaltet sich das Netzwerk medizinischer Betreuung und welche Infrastruktur gibt es?

KINDERMANN: Alle Athletinnen und Athleten des A-, B- und C-Kaders haben Anspruch auf eine jährliche sportmedizinische Gesundheitsuntersuchung, die sowohl orthopädische als auch internistische und kardiologische Inhalte umfasst. Die Untersuchungen werden vom Bundesministerium des Inneren finanziert und über den Bereich Leistungssport des Deutschen Sportbundes umgesetzt. Sie erfolgen in sportmedizinischen Schwerpunktzentren, sogenannten lizenzierten Untersuchungszentren, meist Universitätsinstitute, oder in sportmedizinischen Einrichtungen mit Anbindung an Kliniken. Darüber hinaus sind leistungsdiagnostische Untersuchungen unter Berücksichtigung sportartspezifischer Gesichtspunkte zur Beurteilung des Trainingseffektes und zur Trainingssteuerung möglich. Das sportmedizinische Untersuchungssystem des Deutschen Sportbundes und die damit gemachten Erfahrungen dienten auch als Basis bei der Einführung der internistisch-kardiologischen Untersuchungen im Profifußball im Jahr 1999.

DSB PRESSE: Das deutsche medizinische Untersuchungs- und Betreuungssystem im Spitzensport genießt international große Anerkennung. Was sind die besonderen Merkmale dieses hohen Standards?

KINDERMANN: Das medizinische Personal, das in das sportmedizinische Untersuchungs- und Betreuungssystem eingebunden ist, verfügt über eine spezifische Ausbildung und spezielle Erfahrungen, um beispielsweise sportbedingte von krankheitsbedingten Veränderungen zuverlässig unterscheiden zu können. Die Untersuchungszentren werden in vierjährigen Abständen evaluiert, also sowohl die personellen als auch organisatorisch-technischen Voraussetzungen werden regelmäßig überprüft. Außerdem finden regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen für Verbandsärzte, Ärzte der Untersuchungszentren und Physiotherapeuten statt. Seitens des Bundesinstituts für Sportwissenschaft werden Forschungsprojekte unterstützt, die sich mit der Weiterentwicklung von medizinischen Standards zur Gesundheits- und Belastbarkeitsdiagnostik befassen. Seit Anfang der 90er Jahre ist kein Sportler an einem plötzlichen Herztod verstorben, der dieses sportmedizinische Untersuchungssystem durchlaufen hat.


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