Vier

Mathematiker haben ihren Spaß an der Zahl Vier. Chinesen und Japaner eher nicht. Bei ihnen gilt die Vier als Unglückzahl und wird gemieden. Sollten wir uns allmählich ein Beispiel daran nehmen?

 

Snowboarder Patrick Bussler jubelt über das Erreichen des Halbfinales. (Foto picture alliance)
Snowboarder Patrick Bussler jubelt über das Erreichen des Halbfinales. (Foto picture alliance)

Die Vier hat hübsche Eigenschaften – rein mathematisch gesehen. Zum Beispiel, weil sowohl zwei plus zwei als auch zwei mal zwei oder zwei hoch zwei vier ergeben. Der kleinste räumliche Körper, der Tetraeder, hat vier Flächen und Ecken.

Außerdem genügen vier Farben, um alle Flächen auf einer Landkarte so einzufärben, dass nirgends gleichfarbige Flächen aneinanderstoßen. Auch so was lässt sich ausrechnen.

Wir kennen vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, die vier Elemente, vier Temperamente und die vier Jahre, die eine Olympiade bilden. Und wir kennen vierte Plätze beim Sport.

Auch hier hat die Vier ihre Besonderheiten. Sie scheint im sportlichen Zahlenspiel keinen rechten Platz zu haben, aber wir müssen mit ihr rechnen. Der kreative Journalismus vergibt für diesen Rang nach dem Dreiklang Gold, Silber, Bronze gern die Holzmedaille. Das ist natürlich pure Ironie, aber immer noch angenehmer als der Hinweis: Mit Rang vier beginnt die Reihe der Verlierer.

Das haben in diesen olympischen Tagen von Sotschi schon einige Athletinnen und Athleten der Deutschen Olympiamannschaft hinnehmen müssen: nach Claudia Pechstein, Andi Langenhan, Nico Ihle, Severin Freund, Evi Sachenbacher-Stehle, Björn Kircheisen an diesem zwölften Wettkampftag nun auch Patrick Bussler, Stefanie Böhler und Denise Herrmann sowie schließlich wieder Evi Sachenbacher-Stehle, Laura Dahlmeier, Daniel Böhm und Simon Schempp. Alles Verlierer?

Sie würden sich diese Einschätzung verbitten. Und sie hätten alles Recht dazu. Sie rannten, glitten, rutschten, schossen oder liefen allesamt nur knapp und nach großer Leistung am zählbaren Erfolg vorbei, der scheinbar alles gilt.

So wie Skiflieger Severin Freund, der trotz zweier guter Sprünge im Einzel unterlag, daraus aber das Selbstvertrauen zog, mit dem er dem Team Gold sicherte. So wie Eisschnellläufer Nico Ihle, der nach den ersten Tränen stolz darauf war, der Medaille überhaupt so nahe gekommen zu sein. Und auch so wie Snowboarder Patrick Bussler, der die Teilnahme am Halbfinale schon als überraschenden Erfolg einordnete und sich freute, als habe er den Sprung aufs oberste Treppchen geschafft.

Die olympische Mengenlehre mag die Vier vernachlässigen, und doch hat sie große Aussagekraft. Sie zeigt das Potenzial und ist meist das Ergebnis einer ähnlich großen Leistung wie derjenigen, die schließlich mit einer Medaille belohnt wird. In jedem Fall ist sie keine Unglückszahl und keine Beschreibung für Verlierer.

Im sportlichen Wettkampf gibt die Vier manchmal wieder, was kaum messbar ist. Von diesem kleinen Unterschied lebt der Sport.

Jörg Stratmann


  • Snowboarder Patrick Bussler jubelt über das Erreichen des Halbfinales. (Foto picture alliance)
    Snowboarder Patrick Bussler jubelt über das Erreichen des Halbfinales. (Foto picture alliance)

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