Virtuelle Vereine – Kongresse diskutieren die Zukunft des Sports

Vereine und Verbände haben das Internet-Zeitalter schnell und kreativ aufgenommen. Es wäre wünschenswert, wenn der virtuelle Verein ein angemessenes Forum erhielte, so Autor Hans-Jürgen Schulke.

Vom Vereinssport ist in der digitalen Welt noch wenig die Rede. Foto: picture-alliance
Vom Vereinssport ist in der digitalen Welt noch wenig die Rede. Foto: picture-alliance

Wirtschaft und Wissenschaft sind oft Seismografen für neue Entwicklungen und Umbrüche. Das gilt selbstverständlich auch für den Sport. Schlüsselworte für aktuelle Veränderungen sind Digitalisierung, virtuelle Welten und Augmented Reality. Gerade hat das Summit der Zeitschrift Sponsors in Düsseldorf die mediale Entwicklung von Sportevents und ihrer „Global Player“ behandelt, momentan diskutiert die Sportartikelmesse Ispo in München digitale Skischuhe wie intelligente Kleinhanteln und die Fortschritte im Onlinehandel. Für den September sind gleich drei wissenschaftliche Kongresse zum Thema notiert: Traditionell in Hamburg bei „Sport, Ökonomie und Medien“ zu internationalen Sportgroßveranstaltungen, gleich danach in Jena bei der universitären Sportmanagementtagung und schließlich in München als ein Schwerpunkt beim Hochschultag der DVS. Allerdings: Vom Vereinssport ist wenig die Rede.

Als vor 25 Jahren das Internet-Zeitalter begann und mit nicht gekannter Geschwindigkeit und Komplexität Informationen ausgetauscht wurden, sagten Wissenschaftler den rapiden Rückgang des Vereinssports voraus. War der doch mit Industrialisierung und Bürokratisierung erst zu einer alle Regionen und Schichten erfassenden Organisationsform erwachsen, in der körperlich hart arbeitende und konzentriert verwaltende Mitarbeiter Ausgleich, Gesundheit, Geselligkeit und Spannung fanden. Das vor Ort und zu einem günstigen Preis.

Ganz falsch lagen die Voraussagen nicht, denn individuelles und informelles Sporttreiben hat deutlich zugenommen. Hometrainer werden bei ebay gekauft, Radtouren in spontanen Kleingruppen über facebook verabredet, Wellnesstempel nach Kundenchats gewechselt. Inzwischen nähern sich die Fitnessstudios der Zahl von zehn Millionen Besuchern – mehr als Sportvereine etwa in den mittleren Altersgruppen vorweisen.

Sind also Vereine auslaufendes Modell, passt demokratische Selbstorganisation, kameradschaftliche Hilfestellung, ehrenamtliche Verantwortung und ungezwungener persönlicher Kontakt nicht in die heutige Zeit?

Nüchternen Zahlen sprechen gegen einen Rückgang. Die Zahl von 90.200 Turn- und Sportvereinen bleibt stabil, die 27 Millionen Mitgliedschaften nehmen noch immer leicht zu, mehr als 16.000 Vereine mit Gründung vor mehr als hundert Jahren bestätigen Stabilität – die Organisationsform Verein bleibt Erfolgsgeschichte.

Vereine und Verbände haben das Internet-Zeitalter schnell und kreativ aufgenommen. Originelle Homepages und lebendige Newsletter sind etabliert, Mitgliederdateien elektronisch erfasst und vernetzt, Spielansetzungen wie -ergebnisse kommuniziert in Sekundenbruchteilen, rund 3000 Vereine bieten mit elektronischen Leistungsparametern ausgestattete Fitnessstudios an, Vorstandssitzungen werden geskypt, Bildungsmaßnahmen erfolgen per Elearning. Erste Großvereine bieten Partnerbörsen im Intranet an – Sport ist vereint am Schönsten.

Kein Ergebnis zum Ausruhen. Die fortschreitende Kommunikationsgesellschaft befindet sich in einem neuen Quantensprung zur Arbeitswelt 4.0. Die wissenschaftliche Literatur füllt virtuelle Bibliotheken, das Bundesarbeitsministerium sammelt aufmerksam Forschungen und Fantasien. Immer mehr Daten können mit unterschiedlichen Medien erfasst, gespeichert, kombiniert, vernetzt und auf höherem Niveau gesteuert werden – grenz- und sprachüberschreitend. Leibhaftige Aktivitäten im Beruf und Alltag werden von selbststeuernden und antizipierenden Systemen abgelöst. Das gilt auch für bislang personenbezogene Dienstleistungen.

Die Arbeitsorganisation steht vor neuen Herausforderungen – Arbeitszeiten und –orte, Mitbestimmung und Mindestlohn, kreative Arbeitsgruppen und Wissensmanagement stehen zur Diskussion. Auch in Sportverbänden, wie Initiativen in Bayern oder die „Big Data“-Konfiguration beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) andeuten.

Dabei bestehen keine Zweifel, dass es auch bald den Sport 4.0 geben wird mit neuartigen Angeboten und Organisationsformen. Wearables, die tief unter die Haut gehen und gesundheitsrelevante Daten mit Krankenkassen und Lebensversicherungen vernetzen, Robotereinsatz im Fitnessstudio und bioelektrische Muskelstimulation am Arbeitsplatz als betriebliche Gesundheitsförderung sind einige nicht mehr unrealistische Fantasien.

Sieht so die „Brave new World des Sports“ aus? Und welche Rolle spielen dabei die Vereine – Katalysator dieser Entwicklung oder humaner Fluchtort einer identitätsstiftenden Leibeskultur?

Es wäre mehr als wünschenswert, wenn bei den anstehenden Kongressen der virtuelle Verein ein angemessenes Forum erhielte. Die Rolle des Vereinssports in der digitalisierten Welt geht weit über die pragmatische Nutzung innovativer Kommunikationstechnologien hinaus. Sie ist für eine humane Gesellschaft mindestens genauso wichtig wie die Ausgestaltung der Spitzensportreform.

(Autor: Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Vom Vereinssport ist in der digitalen Welt noch wenig die Rede. Foto: picture-alliance
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