„Wir sind das Volk“ – Wie Sport mit Ausländerfeindlichkeit umgeht

Der Internationalismus des Wettkampfsports und konstitutive Offenheit der Vereine machen offensichtlich gegen Parolen und Praxis fremdenfeindlicher Kräfte immun, resümiert Autor Hans-Jürgen Schulke.

Pegida-Demonstration in München. Foto: picture-alliance
Pegida-Demonstration in München. Foto: picture-alliance

Vieldiskutiertes Thema in den Medien sind derzeit Stimmengewinne der AfD mit Einzug in Parlamente, außerparlamentarische Protestformen mit zeitweilig großem Zulauf wie Pegida, anonyme Hasstiraden im Internet und zunehmend Gewalt gegen Unterkünfte und Menschen.

Eine rationale Begründung für die fremdenfeindliche Bewegung auf der Straße, im Netz und an der Urne ist schwer zu finden und nicht nachvollziehbar– eher werden negative Gefühlslagen bei Teilen der Bevölkerung angeführt. Rechnerisch und real geht es um nicht mal ein Prozent der aktuellen Einwohnerzahl Deutschlands. Ein minimaler Teil dessen, was nach 1945 Zuflucht in westdeutschen Besatzungszonen fand. Inhaltlich berufen sich Protestler auf eine Referenz, die am Ende der DDR zahllose Menschen zusammenführte: „Wir sind das Volk!“ Im gleichen Atem-zug werden gewählte Repräsentanten des Staates – immerhin Bundespräsident und Bundeskanzlerin – als „Volksverräter“ beschrien. Der im geeinten Europa und globaler Kooperation neutralisierte Volksbegriff feiert Renaissance. Doch was ist heute in Deutschland „das“ Volk?

Eine Aufladung erhielt die diffuse Berufung auf „das Volk“ aktuell mit der Akzeptanz des Begriffs „völkisch“ als Bestimmung für ein Volk (AfD-Vorsitzende Petry) und „Umvolkung“ (CDU-Bundestagsabgeordnete Kudla) als drohender Verlust der deutschen Identität. Damit erhält das Klagen deutliche politische Kontur. Beides sind Kampfbegriffe aus der NS-Zeit mit einer rassistischen, nationalistisch-chauvinistischen und antisemitischen Konnotation. Die völkische Bewegung entstand um 1880, verbreitete sich über den Alldeutschen Verband („Deutschland den Deutschen“), radikalisierte sich während der Weimarer Republik und trug maßgeblich zur Zerstörung des parlamentarischen Systems bei. Daran waren auch deutsche Sportverbände schuldig.

Heute ist der Sport an fremdenfeindlichen Beschwerden nicht beteiligt. Es gibt keine Spitzensportler oder führende Sportfunktionäre, die sich den Protesten anschließen. Fast 30.000 Vereine, also rund 30 Prozent, leisten alltäglich aktive Hilfe für Aufnahme und Förderung von Flüchtlingen, ihre Verbände beziehen eindeutig Stellung und helfen den in diesem Feld aktiven Vereinen. Versuche der AfD, im Sport eine Fremdenfeindlichkeit zu schüren (Kritik der multikulturellen Paninibilder vor der Fußball-EM, Schmähung des deutschen Staatsbürgers Boateng) erweisen sich als kontraproduktiv. Offensichtlich macht der Internationalismus des Wettkampfsports sowie die konstitutive Offenheit der Vereine für Alle, die Gleichberechtigung der Mitglieder und die historisch selbstverständliche Hilfestellung für Schwächere gegen Parolen und Praxis fremden-feindlicher Kräfte immun.

Tatsächlich ist der organisierte Sport in Deutschland sich heute mit Volk, Nation und Staat weit einiger als im 19. und 20. Jahrhundert. Er veranstaltet Volksläufe und Volksschwimmen, verleiht mit Sportabzeichen einen Volksorden und tritt im Volksparkstadion mit der Nationalmannschaft an. Bei Olympischen Spielen misst er sich in der Nationenwertung, die Nationalmannschaften singen vielfarbig und vielstimmig die Nationalhymne, bekennende Muslime spielen umjubelt für Deutschland. Aufnahme des Sports als Staatsziel in das Grundgesetz wird angestrebt und staatliche Aufgaben in Bildung, Jugendarbeit, Gesundheitsförderung, Behindertengleichstellung und Flüchtlingsintegration von Sportvereinen zuverlässig erfüllt.                

(Autor: Prof. Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Pegida-Demonstration in München. Foto: picture-alliance
    Pegida-Demonstration in München. Foto: picture-alliance

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