Wird Schwimmbädern das Wasser abgegraben?

Im Wiesbadener Opelbad bemühten sich Anfang März Wissenschaftler, Praktiker und Kommunalpolitiker einen Tag lang darum, einen Überblick über die deutsche Bäder-Landschaft zu gewinnen.

Besucher des Opelbads auf dem Neroberg in Wiesbaden genießen ein weiten Ausblick. Foto: picture-alliance
Besucher des Opelbads auf dem Neroberg in Wiesbaden genießen ein weiten Ausblick. Foto: picture-alliance

Der Tagungsort passte bestens zur Thematik: Die Lage des Opelbads auf dem  Neroberg erlaubt eine Gesamtsicht auf die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden.  „Droht immer mehr öffentlichen Bädern das Aus?“ hatte die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) ihren ersten interdisziplinären Expertenworkshop überschrieben. Das Opelbad selbst liefert  bestes Anschauungsmaterial. Lange Jahre bot die still gelegte Sportstätte einen desolaten Anblick. Die Wende erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Schwimmbad-Schließungen einen ersten Höhepunkt erreichten. 1995 wurde das Freibad aufwendig saniert und mit moderner Solartechnik ausgestattet. Die zum Komplex gehörenden, im Bauhausstil errichteten  Gebäude wurden herausgeputzt und beherbergen heute ein beliebtes Restaurant. Das Opelbad avancierte zum Kulturdenkmal.

In Halle an der Saale hat eine breite Bürgerbewegung die komplette Schließung des historisch wertvollen vom Jugendstil geprägten Stadtbads verhindert. Ein Förderverein Zukunft Stadtbad arbeitet darauf hin, die Anlage vollständig zu sanieren. In Kassel kämpfen ein Förderverein Schwimmbad und eine Initiative Junge Kultur um den Erhalt des Freibads Wilhelmshöhe. Der Vereinsvorsitzende Professor Kuno Hottenrott konnte als Tagungsleiter des Workshops aus der Praxis berichten, wie viel Engagement, Sachverstand und Aktivierung der Öffentlichkeit nötig war, um der Stadt Kassel einen Beschluss zum Weiterbestehen des Bades abzuringen. Den Politikern war mit einem Gutachten nachzuweisen, dass sie zum Beispiel die Betriebskosten um ein Vierfaches zu hoch angesetzt hatten. Die Stadt will 3,3 Millionen Euro für die Sanierung zu Verfügung stellen. Der Verein muss selbst 700 000 Euro aufbringen. Ein vergleichbares Modell hat der Förderverein des Freibads im Kasseler Stadtteil Harleshausen erreicht.

Vereinen nicht sämtliche Belastungen aufbürden

Nicht selten übernehmen diese Zusammenschlüsse als Trägervereine den Betrieb von Schwimmbädern. Der hessische LSB-Präsident Dr. Rolf Müller, Vorsitzender des Schwimmvereins Gelnhausen, warnt: „Man kann nicht Vereinen, die eigentlich ganz andere Aufgaben haben, sämtliche Belastungen der Finanzierung, des Personals und des Unterhalts aufbürden.“ Den Trägervereinen, die zu erhöhter Professionalität gezwungen sind, gehen auf Dauer die ehrenamtlichen Mitarbeiter aus.

Die Kämpfe von Bürgern um den Erhalt „ihres“ Schwimmbads toben seit mehr als zehn Jahren im ganzen Land. Und nicht immer sind sie von Erfolg gekrönt. Ein immenser Sanierungsstau  hat zu einer Welle von Bäderschließungen geführt. Und noch ist kein Ende in Sicht. Die Anlagen, die in den späten 1960-er und 1970-er Jahren entstanden, sind zum Großteil überholungsbedürftig. Das ist die Kehrseite des zu Recht gepriesenen „Goldenen Plans“ für den Sportstättenbau. Die Deutsche Olympische Gesellschaft  hatte 1959 unter diesem griffigen Titel einen öffentlichen Investitionsbedarf zur Schaffung von Erholungs-, Spiel- und Sportstätten in Höhe von 6,3 Milliarden D-Mark ermittelt.  Zwischen 1960 und 1975 wurden sogar 17,4 Milliarden D-Mark für die Verbesserung der Sportinfrastruktur ausgegeben, die zu 63 Prozent von den Städten und Gemeinden aufgebracht wurden.   Und in der nächsten Phase wurden bis 1992 noch einmal 20 Milliarden Mark investiert. Nicht zuletzt wurde durch diese Aufwendungen der Bedarf an Hallen- und Freibädern gedeckt, die inzwischen in die Jahre gekommen sind.

Gemeindekassen sind leer

Die Kommunen haben weitgehend die Lasten des Unterhalts und der Sanierung zu tragen. Doch die meisten Stadtsäckel und Gemeindekassen sind leer, und   die wachsenden Schuldenberge drücken. Die Kommunen flüchten unter Rettungsschirme und haben mit der Schuldenbremse zu kämpfen. Rechnungshöfe und Kommunalaufsicht sitzen ihnen im  Nacken. In dieser Situation ist die Versuchung groß, kostenintensive Bäder zu schließen, die in vierzehn von sechzehn Bundesländern als „freiwillige Leistungen“ besonders leicht zu streichen sind. Eine von der DLRG veranlasste Untersuchung hat ergeben, dass zwischen 2007 und 2012 285 Bäder geschlossen wurden, davon 172 Hallenbäder. 452 Bäder, davon 191 Hallenbäder, sind aktuell von einer Schließung bedroht sind. Dem stehen 11 Neubauten und 77 sanierte oder modernisierte Bäder gegenüber. In den alten Ländern liegt der Anteil der sanierungsbedürftigen Anlagen bei 46 Prozent und in den neuen Ländern sowie in den Stadtstaaten sogar bei rund 61 Prozent. Experten schätzen das Sanierungsvolumen auf 14 Milliarden Euro. Länder und Gemeinden scheuen eine genaue statistische Ermittlung des Bedarfs. Viele Politiker wiegeln ab und behaupten mit Verweis auf die rund 7000 Bäder im Bundesgebiet, die Lage sei doch gar nicht so schlimm.  

Der Grad der emotionalen Aufwallung bei den Bürgern zeigt, dass mit der Schließung von Schwimmbädern ein Nerv der  Menschen berührt wird. Schwimmen ist in Deutschland zusammen mit dem Radsport die beliebteste Sportart. Sie kann von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter ausgeübt werden. Eine zunehmende Bedeutung kommt heute dem therapeutischen Schwimmen zu. Man denke nur an die Volkskrankheit Rückenschmerzen. Manche Schwerbehinderte können sich ausschließlich im Wasser bewegen. Es liegt auf der Hand, dass das Fehlen von Schwimmbädern erhebliche gesundheitliche und sozialpolitische Folgen hat. Bäder sind auch Kommunikationszentren, die über die Bedeutung von Sportanlagen hinausgehen. Wenn sie geschlossen werden, gibt es vor allem im ländlichen Raum keine Alternativen.

Grundschulen fehlt Zugang zu Schwimmbädern

Nach einer Untersuchung der Universität  Paderborn haben 20 Prozent der Grundschulen keinen Zugang zu einem Schwimmbad. Die Schulen fallen mittlerweile weitgehend als Schwimmlehrer aus. Umfragen von Emnid und Forsa belegen, dass lediglich zwischen 17 bzw. 20 Prozent der Kinder in der Schule schwimmen lernen. Kein Wunder, dass nach dem Ende der vierten Klasse die Hälfte der Grundschüler gar nicht oder nicht richtig schwimmen kann. Dieses Manko erhöht das Sicherheitsrisiko.  Nach der neuesten Statistik der DLRG ist nach dem Rekordtief von 2012 die Zahl der tödlichen Badeunfälle von 383 auf 446 wieder stark gestiegen. 80 Prozent kamen in unbewachten Gewässern ums Leben. Auch ertranken 2013 mit 34 gegenüber 18 im Jahr 2012 deutlich mehr Kinder und Jugendliche. Und dies obwohl die  DLRG mit ihrem Programm „Schwimmen lernen mit Nivea“ schon in den Kindergärten für gute Fortschritte sorgt. Neue Projekte wie „Schwimmfix“ in Heidelberg und „Schwimmi“ in Wetzlar bringen außerhalb des Curriculums  Grundschulkindern, die Schwierigkeiten haben, im Schwimmunterricht mitzuhalten, die notwendigen Fertigkeiten bei. Doch das reicht alles nicht aus.

Die Eltern sollten weit stärker als bisher die Angebote privater Schwimmschulen, Kurse der DLRG, der Turnverbände und der Schwimmvereine für ihre Kinder nutzen. Bedrohlich wirkt sich das Fehlen von Bädern bei den Älteren jenseits der 50 aus, die auch im Vorjahr die Hälfte der  Ertrunkenen ausmachten. Da ist es auf den ersten Blick beruhigend, dass 48 000 ehrenamtliche Rettungsschwimmer über die Sicherheit der Badenden wachen. Doch die DLRG sieht mit Sorge, dass es  zunehmend an Nachwuchs fehlt. Bei Schwimmvereinen, die deutlich sinkende Mitgliederzahlen registrieren, droht aus dem Zustrom von Talenten ebenfalls ein Rinnsal zu werden.

Gehören Schwimmbäder auf die rote Liste aussterbender Arten?

„Die Anforderungen an den Betrieb von Schwimmbädern mit ihrem vielfältigen Nebeneinander von Vereins-, Individual-, Schul-Sport und Kursangeboten sind nirgendwo im Sport so anspruchsvoll“, sagt Andreas Klages. Der stellvertretende DOSB-Direktor Sportentwicklung fordert, die Bädersituation genau zu untersuchen: „Gehören Schwimmbäder auf die „Rote Liste“ der aussterbenden Arten oder ist, wie viele Politiker meinen, alles gut in der deutschen Bäderlandschaft? Wir müssen viel genauer hinsehen: Welche Bädertypen gibt es, wie viele davon sind für den Vereins- und Wettkampfsport geeignet, wie viele haben Sprunganlagen, wie viele haben ein Dach, wo sind diese Bäder eigentlich genau, in welchem baulichen Zustand sind sie, in welche Rechtsformen sind sie eingeordnet, welche sind in kommunaler Verantwortung, welche sind in Vereinsträgerschaften, welche haben 50-Meter-, welche haben 25-Meter-Bahnen, wo kann Schulschwimmsport stattfinden, wo sind räumliche Möglichkeiten für Kursangebote?" Klages plädiert für eine Grundlagenstudie zur Bäderentwicklung in Deutschland. Er erklärt die Bereitschaft des DOSB und lädt das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, die Verbände, die Politik und andere Interessenten zur Mitarbeit ein. Auch wurde in der Diskussion eine Bäderstatistik und ein Bäderatlas als notwendig bezeichnet. 

Die Zeit der Schwimmopern dürfte ein für allemal vorbei sein. Vielmehr sind einfache Sportbäder mit Lehrschwimmbecken gefragt. Damit würden auch die Betriebskosten nicht länger ausufern. Zurzeit werden die Gesamtkosten der Bäder mit 4,6 Milliarden Euro beziffert. Die Badbesucher, deren Zahl, ausgenommen die „Spaßbäder“, zum Teil drastisch zurück gehen, geben aber 11,8 Milliarden Euro aus. Erträge, an denen die Kommunen stärker als bisher zu beteiligen wären.

Schwimmbäder kein Luxus sondern politische Verpflichtung

Schwimmbäder sind kein Luxus, den man bei Geldknappheit über Bord werfen kann. Vielmehr geht es um das Gemeinwohl der Bürger. Und das ist eine hochrangige politische Verpflichtung. Der Sprecher des Fördervereins Dudweiler hat zu Recht gefragt: „Wie kommt es, dass die Kommunen in einem der reichsten Länder der Welt nicht in der Lage sind, ihre sozialen Aufgaben zu erfüllen?“ Damit dürfen die Städte und Gemeinden nicht allein gelassen werden. Hier sind auch die Bundesländer gefordert. Hessen hat ein Zeichen gesetzt, indem es als einziges Bundesland im Rahmen eines Hallenbad-Investitions-Programms 50 Millionen Euro zu Verfügung stellte.  Der Bund sollte ebenfalls von der Öffentlichkeit in die Pflicht genommen werden. Im Grunde ist der Erhalt von Schwimmbädern eine maßgeschneiderte Aufgabe für das Bundesgesundheits-Ministerium sowie für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Und auch dem Bundesinnenministerium, das mit Argusaugen auf die Erfolgsquote im Spitzensport schaut, kann es nicht gleichgültig sein, wenn die Medaillenchancen der Schwimmer drastisch sinken und der einst so erfolgreiche deutsche Schwimmsport mittlerweile international auf den 18. Rang abgerutscht ist. Der Erhalt von Schwimmbädern gilt der Daseinsvorsorge der Menschen. Der langjährige DSB-Präsident Manfred von Richthofen hat es auf den Punkt gebracht: „Schwimmen ist ein Lebensrecht und eine Lebensversicherung.“

(Autor: Stefan Haffner)


  • Besucher des Opelbads auf dem Neroberg in Wiesbaden genießen ein weiten Ausblick. Foto: picture-alliance
    Besucher des Opelbads auf dem Neroberg in Wiesbaden genießen ein weiten Ausblick. Foto: picture-alliance

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